Frankfurter Allgemeine Zeitung - Wie wird man eigentlich Modedesigner

Schule, Abi, dann das Studium. Der Weg schien abgesteckt und führte immer geradeaus. Alles lief nach Plan. Lernen, Prüfung und Examen. Schließlich wurde sie Juristin. Staatlich ausgebildet und geprüft. Alles schön und gut. „Doch es war nicht wirklich meins“, sagt Julia Leifert heute. Da musste noch etwas anderes her. Sie bog ab, schlug einen neuen Pfad und eine andere Richtung ein. Sie fing noch mal von vorne an. Andere Stadt, anderes Studium, anderes Fach: Management von Mode und Design. Schnittmuster statt Gesetzestexte, Fashionshows statt Gerichtstermine. Heute steht sie in ihrem eigenen Atelier.

Berlin, Scheunenviertel: Gebäude aus der Gründerzeit, dazwischen ein paar Plattenbauten, ein paar Stahlgerüste, bucklige Bürgersteige, eine asphaltierte Straße, viele parkende Autos. Links liegt der Garnisonfriedhof, weiter hinten die Volksbühne, rechts geht es zum Hackeschen Markt. Was früher mal ein Getto war, ist heute ein Viertel für die neue Szene. Eine junge Generation hat die alte Mitte an der Spree für sich erobert. Die Mulackstraße gilt als ihr kreatives Zentrum. Kleine Läden in Berlin mit übergroßen Fenstern, Nähereien und Schneidereien, Boutiquen, Kaffee-, Tee- und Trödelläden. Viele Kneipen. Alles schick und schnieke. Ein schönes altes Haus, ein breites Tor und ein kopfsteingepflasterter Hof.

„Früher war hier mal eine Stallung drin“, sagt Leifert. Nun ist es ihre Werkstatt: zwei Etagen mit je einem kleinen Zimmer. Unten ist das Büro mit dem Schreibtisch und den Kleiderstangen. Oben eine raumfüllende Schneidertafel, ein Moodboard vom Boden bis zur Decke und ein paar Regale. Auf den Brettern stehen gewichtige Werke; in Deutsch und in Englisch; Stoff-, Zuschnitts- und Schneiderlehren. Lektüre zum Lernen.

An der Wand hängt ein kleines Brett mit den Werkzeugen für die Arbeit: Scheren aller Arten und Größen, Rändelräder, Saum-, Hand- und Miedermaße, Ahle, Nahtausrichter, jede Menge Winkel und Dreiecke, ein paar Schnittzangen, ein paar Stoffgewichte, Schablonen und Lineale. Ein Becher mit Stiften. Es sieht ein wenig aus wie bei einer Architektin. Die Brille hat sie auf die Stirn geschoben, das Maßband noch in Händen.

Später bei einem Kaffee wird sie sagen, dass sie sich selbst fragt, woher sie den Mut für diesen Sprung ins kalte Wasser genommen hat. Sie wird über minimalistische Schnitte und verdeckte Nähte reden, über ausgewählte Stoffe und feinste Textilien, über diesen Brokat, den sie vor Jahren sah, kaufte und dann nicht so richtig wusste, was sie daraus machen sollte. Und über den japanischen Minimalismus eines Yoji Yamamoto und die Opulenz einer Rei Kawakubo. Beide haben ihr Handwerk zur Kunst erhoben. Meister ihres Fachs.

Mit Anfang dreißig hat Leifert ihre eigene Firma, ihr eigenes kleines Label und viele Träume. Sie ist Herr im eigenen Haus, hat die Füße fest am Boden und binnen kürzester Zeit sich einiges aufgebaut. Den Laden und die Werkstatt, eine Liefer-, Fertigungs- und Vertriebskette.

Sie bringt im Jahr zwei Kollektionen heraus, 35 Styles in 70 Stücken. Sie arbeitet dafür mit einer Assistentin und mit einem Freiberufler zusammen. Sie zeigt sich auf der Berliner FashionWeek, war mit ihren Kreationen schon in New York und in Paris, scheut keine weiten Wege und arbeitet unter einem alten Namen: Philomena Zanetti. So hieß ihre Ururgroßmutter.

Das Porträt von ihr steht zwischen den Büchern auf dem Regal. Ein Foto wie ein Kunstwerk. Schwarz und Weiß mit einem Stich ins Braune. Vor einer Ranke aus Blumen steht eine junge Frau aus einer anderen Zeit. Die Hände auf die Lehne eines Stuhles gelegt, ein leichtes Lächeln aufgesetzt, die Haare hochgesteckt, ein weißes, eng anliegendes Kleid mit hohem Kragen und breitem Gürtel. Energisch und entschlossen. „Die Frauen bei uns in der Familie wussten immer, was sie wollten“, sagt Leifert.

Das Bild hat sie seit ihrer frühen Kindheit. „Philomena ist auch mein zweiter Vorname“, sagt sie. „Lange bevor ich überhaupt die Idee, geschweige denn den Plan hatte, so ganz auf eigenen Beinen zu stehen, war klar, dass ich ein solches großes Vorhaben in meinem Leben einmal Philomena Zanetti nennen werde.“ Ein Name wie ein Versprechen. Aus ihm machte sie die Firma und das Label. Nun ist sie auf dem Weg zu einer starken Marke.

Gerade hat Leifert beim Fashion Council Germany einen wichtigen Wettbewerb gewonnen. Der Preis: neue Workshops und ein Mentoren-Programm – eine Art Coaching für ihre weitere Entwicklung. Denn gute Mode will nicht nur sauber gemacht, sondern auch ordentlich verkauft sein. Struktur und Organisation der kleinen Unternehmung werden in den kommenden Wochen von Profis auf den Prüfstand gestellt.

Eigentlich geht es in der Branche um rasch wechselnde Trends, um große Märkte und Renditen; Julia Leifert geht es um Öko und Entschleunigung. Sie setzt auf das, was sie „Slow-Fashion“ nennt. Die hat sie zu ihrem Geschäft gemacht. „Für mich ist es wichtig, im Einklang mit der Umwelt zu stehen“, sagt sie oben an ihrer Schneidertafel. Sie wolle keine Kleidung tragen, die andere Menschen oder auch Tiere ausgebeutet habe.

„Das klingt nun doch ein wenig nach Flower Power“, meint sie und lacht. „Okay. Ich esse vegan und setze mich ziemlich aktiv für die Erhaltung der Umwelt ein.“ Kein Fleisch auf den Tisch und kein Kaffee aus Pappbechern, keine Schuhe aus Leder und keine Baumwoll- oder Leinenstoffe aus unkontrolliertem Anbau. Mit einem T-Shirt für drei Euro könne doch irgendwas nicht stimmen. Billig hat seinen Preis, und den müsse jemand bezahlen. Sind das nicht die Kunden hier, sind es die Näherinnen mit ihren Niedriglöhnen im fernen Asien. Nachhaltigkeit in der Mode habe sie für sich erst einmal entdecken müssen.

„Heute gibt es da schon ganz tolle Angebote. Aber vor wenigen Jahren noch hat man unter Ökomode etwas völlig anderes verstanden als jetzt.“ Es sei doch so gewesen, sagt sie, dass vieles, was vor wenigen Jahren noch von Ökolabels zu sehen war, zwar ethisch gut gemeint, aber eher altbacken, langweilig oder sündhaft teuer dahergekommen war. Entweder es sei schön und nicht gut, oder es sei gut und nicht gerade schön gewesen. Latzhose oder Kostüm. Sie wollte beides.

„Ich habe mich immer gefragt, warum keiner das Gute mit dem Schönen verbinden kann.“ Sie hatte die Lücke im Markt für sich entdeckt und ging nach einem Praktikum bei einer großen PR-Agentur in New York an die Arbeit. Amerika war wichtig für ihren Schritt in die Selbständigkeit. „Diese Mentalität, dieses,Wir machen das jetzt einfach mal‘ hatte mich angesteckt. Das hat mir den entscheidenden Kick gegeben, selbst ein Label aufzumachen.“ Ihre erste Kollektion brachte sie vor drei Jahren auf den Markt. „Na ja, Markt ist jetzt etwas viel gesagt, meint sie. Es seien alles in allem vier Teile gewesen. Zwei Jahre später waren es schon zwei Dutzend. Heute sind es dreimal so viele.

Leifert weiß von Nachhaltigkeit und Umweltbilanzen zu sprechen, von Stoffen mit und Stoffen ohne Gütesiegeln, von nachhaltigen GOTS-Zertifikaten, von lokaler Produktion und Qualität aus der Region. Weniger Industrie und mehr Handwerk. Während des Jura-Studiums in Konstanz hatte sie sich diese Nähmaschine zugelegt. Sie hatte sich über die ersten Schnittmusterbögen gebeugt, hatte den roten Faden eines Kleides, einer Bluse oder einer Hose in all den vielen bunten Kurven, Zahlen und Strich-Punkt-Linien gesucht, Schnitte entworfen, erste Stücke genäht, Kurse belegt, gradieren, drapieren und interpolieren gelernt.

Tagsüber studierte sie die Rechte, abends die Schneiderei. Sie wusste, was sie wollte, und auch, was sie nicht wollte. „Mit Jura kann man ja viel anfangen. Aber ich wollte nicht als Juristin bei einem großen Label oder in einer großen Firma enden“, sagte sie, „Ich wollte nicht Teil einer Kommandokette sein, egal, wie offen, flexibel oder gut durchorganisiert die Firma ist.“ Nun steht sie vor ihrem Moodboard oben im Atelier und arbeitet an Ideen.

Eine weiße Tafel mit vielen kleinen Fotos, Skizzen, Stoff- und Farbproben, mit Notizen und der Zeichnung eines Harlekins. Eine Wand zusammengewürfelter Ideen. Der kreative Fahrplan für die neue Kollektion. Für die kommende Saison habe sie die „Commedia dell’Arte“ im Kopf. Italiens klassisches Theater. Von ihm lässt sie sich inspirieren. Von den Masken und Figuren, Typen und Stereotypen.

Etwa dem Harlekin: Auf den ersten Blick scheine die Figur ja ganz witzig zu sein; auf den zweiten sehe man dann, dass sie ein sehr komplexes Wesen sei. Herr und Diener, Engel und Teufel zugleich. Lustig, traurig und immer auch ein wenig durchtrieben. Sie springt durchs Spiel, hält die Fäden des Geschehens auf der Bühne in Händen, zieht wie nach Belieben an ihnen, lenkt und leitet die anderen Figuren, ohne dass sie das merken müssen. Der Harlekin ist ein großer Manipulator.

Ein bisschen sei es ja mit der Fashion- Branche auch so, sagt Leifert. Mode ziele immer auf die Form. Doch von der lasse sich rasch auf Inhalte schließen, auf Haltungen und Einstellungen, wenn es sein muss auch auf Gesinnungen. Stereotypen wollen aufgebrochen, Typen kreiert und Muster arrangiert sein. Im Atelier sei es ein wenig so wie hinter dem Vorhang im Theater; auf dem Laufsteg wie auf einer großen Bühne. Beides sind die Bretter, die dieWelt bedeuten.

Wie lässt man solche Gedanken in seine Arbeit einfließen? „Man hält sie sich einfach vor Augen.“ Und dann? „Dann fängt man an.“ Einfach so? „Ja. Irgendwie muss es ja losgehen.“ Was genau passiert dann? „Dann nehme ich also diese Idee, drehe sie im Kopf hin und her, packe sie in erste Skizzen und in einen Schnitt.“ Und die Inspiration? „Die kreist in mir, während ich meinen Händen bei der Arbeit quasi zusehe.“ Quelle: FAZ